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Infantile Bewältigungsstrategien Teil II – Positiv Denken

Liebe Positiv-Denker, – bevor Sie mir böse Emails schreiben – lesen Sie bitte meinen Blog komplett. Hier geht es ja darum Dinge zu hinterfragen, Dinge richtig zu stellen und wie immer das Beste aus seinem Leben zu machen. So hat das positive Denken durchaus seine Berechtigung, leidet aber unter schwerem Mißbrauch.

Stellen Sie sich einmal vor, Sie fahren gerade Ski und eine Schneelawine löst sich. Was machen Sie? Suchen Sie Deckung und bringen sich in Sicherheit? Oder fangen Sie an positiv zu denken „Mir passiert schon nichts, die Sonne scheint und alles wird gut!“?

Oder Sie sind gerade arbeitslos. Was machen Sie? Verprassen Sie Ihre letzten Geldreserven, weil Sie positiv denken und sowieso morgen schon einen neuen Job bekommen oder im Lotto gewinnen werden? Oder gehen Sie sparsam mit Ihren Reserven um, denn Sie wissen ja nicht, wie lange Sie auf einen neuen Job warten müssen?

Oder – Sie stehen gerade vor einer wichtigen Prüfung, haben aber nichts gelernt. Was meinen Sie, hilft Ihnen da positives Denken? Werden Sie die Prüfung dank Ihrer positiven Haltung gut bestehen?

Letzte Frage – Sie fahren auf der Autobahn und wundern sich, warum Ihnen so viele Falschfahrer entgegen kommen. Was machen Sie? Einfach ignorieren und positiv gestimmt weiterfahren? Oder doch lieber die negativen Zeichen wahrnehmen und den Irrweg verlassen?

Es ist diese faszinierende, wunderbare „Alles ist gut“- oder „Alles wird gut“-Mentalität, die heutzutage weit verbreitet ist. Die schlechten Zeichen, die Warnungen werden bewusst ignoriert, ausgeblendet und das Mantra „Alles ist gut“ ständig wiederholt. Sogar eine Moderatorin im Fernsehen hat am Ende ihrer Sendung immer gesagt „Alles wird gut!“.

Haben Sie einmal bewusst wahrgenommen, wann diese Mantren heruntergebetet werden? Niemals in guten Situationen oder in Situationen, wo nur ein leichtes Problem vorhanden ist. In der Regel wird es Menschen gesagt, wo nichts mehr zu retten ist, Menschen, die alles verloren haben und im Sterben liegen. Wahrscheinlich sagt man das, weil einem schlichtweg nichts besseres einfällt. Es gibt nichts Positives zu sagen. Es ist vorbei. Ende. Und keiner glaubt, dass irgendetwas gut wird. Trotzdem wird es gesagt.

Dieses Mantra wird auch gerne bei Menschen eingesetzt, die man nicht für voll nimmt, – bei Kindern, bei alten Menschen, bei Kranken. Es ist so viel leichter zu sagen „Alles wird gut!“ als irgend etwas wirklich zu erklären, als sich selbst und die Betroffenen mit der Realität zu konfrontieren. Fragen zu stellen, Lösungen zu suchen, den Tod ins Auge zu fassen, sich mit seiner Krankheit zu beschäftigen. Alles ist gut!

Vor einigen Jahren hatten wir die Welle des positiven Denkens aufgrund vieler Bücher wie The Secret, Bestellungen beim Universum, etc. Ein Kollege aus den USA hat darauf hingewiesen, dass diese Mentalität zu viel Elend und Selbstmorden geführt hat, – ganz einfach, weil die Menschen die Augen vor der Realität verschlossen haben und ihr Glaube sie nicht vor dem Ruin gerettet hat. Es geht hier um die riesige Immobilienblase, die geplatzt ist und viele Menschen auf einen Schlag obdachlos gemacht hat. Diese Menschen haben mit unzähligen Kreditkarten Häuser „pseudo“-finanziert, waren positiv eingestellt, dass das schon irgenwie klappt und dann kam die Realität und sie standen plötzlich vor dem Nichts. Viele haben sich darauf hin das Leben genommen. Das ist eine reale Schattenseite des positiven Denkens.

Es ist gerade die Tragik einfach zu glauben, man müsse nur positiv denken und alles ergibt sich von ganz alleine. Das Universum macht das schon irgendwie, ohne das ich selber groß was tun muss. Irgendwie klappt das schon. Ja, oder auch nicht! Das ist erstmal soweit naiv-kindlicher Glaube, fern ab von der Realität. Wir können jeden Tag beobachten, dass wir für die Befriedigung unserer Bedürfnisse und Wünsche etwas tun müssen. Wir leben nicht im Schlaraffenland, nicht im Paradies und die wenigsten von uns gehören zu einer Königsfamilie oder sind Millionäre. Wir können auch täglich wahrnehmen, dass nicht alles gut ist, auch nicht alles gut wird, sondern, dass in der Tat sehr viel schlecht ist, nicht reibungslos funktioniert, dass Dinge scheitern, dass nahezu alles zwei Seiten hat und hinter nahezu jedem Erfolg viel Arbeit, Fleiß und Sachkenntnis stecken.

Psychologisch kann man das positive Denken als Flucht aus der unangenehmen Realität bezeichnen, – Fluchtverhalten. Kinder flüchten gerne in bessere Welten, wenn es ihnen gerade nicht gefällt oder wenn sie leiden. Es ist eine Art Selbstschutz, eine Lebenserhaltungsmaßnahme. Für Kinder mag das noch funktionieren, doch für Erwachsene führt das zum Untergang.

Momentan scheint es ein wahrer Trend zu sein, – auch in der Politik. Da werden alle bösen Zeichen standhaft ignoriert und die Politiker erzählen ständig, man müsse einfach alles nur positiv sehen. Denn mit einem gelben Farbfilter scheint immer nur die Sonne, auch wenn es gerade schneit und alles ist gut! Egal, ob es der Euro ist, die hohe Staatsverschuldung, die Energiewende oder sonstige Herausforderungen – sehen Sie einfach alles positiv und dann wirds schon!

Lassen Sie uns nun einmal zu den Hintergründen kommen. So wie positives Denken aktuell praktiziert wird, ist es eher die euphorische Stimmung vor dem Untergang, die das Erleben der Katastrophe seelisch erleichtert. Das positive Denken ist dann der letzte Anker der Hoffnung. Die Realität wird ausgeblendet, weichgezeichnet oder aufgehübscht. Diktatoren haben das positive Denken schon immer gerne für ihre Propaganda genutzt – alles ist offiziell gut und nur inoffiziell eine Katastrophe. Das heißt insgesamt, dass diese positivierende Haltung immer etwas mit der Bewältigung von großen Krisen zu tun hat. Sie ist eine Flucht in eine bessere Welt.

Nun, woher kommt denn diese Idee des positiven Denkens überhaupt? Sie stammt heutzutage aus der Mainstream-Esoterik, wo Erkenntnisse und Techniken aus alten spirituellen Traditionen regelrecht verwurstet werden. Altes Wissen wird dem Kontext entrissen, nicht verstanden, pervertiert, neu verpackt und zu Geld gemacht. Hinterher wundern sich die Leute, dass vieles nicht so funktioniert, wie es eigentlich angepriesen wurde. Das sogenannte positive Denken gehört auch dazu und sein eigentlicher Inhalt wurde banalisiert, verfremdet und untauglich gemacht. Dafür haben viele Bücher zu dem Thema den Menschen das gegeben, was sie sich sehnlichst erhofft haben – den schnellen, leichten Weg zum Erfolg, zu einer Welt der unbegrenzten Möglichkeiten. „Du willst einen Ferrari? Dann wünsche ihn Dir einfach!“ D. h., das was als positives Denken bezeichnet wird, ist nur unter vielen Einschränkungen im Urkontext richtig, brauchbar und generell zu verstehen. Positives Denken hat bis jetzt nur die Autoren reich gemacht, aber offensichtlich keinen Leser.

Ein anderer Aspekt des positiven Denkens ist die banale Wahrheit, dass man immer mit einer positiv-konstruktiven Grundhaltung an Probleme und Projekte gehen sollte. Ohne die Idee, etwas schaffen zu können, braucht man schließlich gar nicht anfangen. Der zweite Schritt ist aber schon sich Gedanken über die Machbarkeit und die Konsequenzen zu machen. Best Case, Worst Case Szenarien, Zeitrahmen, Ressourcen, Rahmenbedingungen, etc. klären. Und nur wenn man den Worst Case überlebt, dann kann man auch guten Gewissens ans Werk gehen. Das ist vernünftiges, professionelles Vorgehen, was Sicherheit gewährt und zum Erfolg führt. Das gilt in der Wirtschaft, in der Politik und für alle Aspekte des normalen Lebens. Wenn Sie Ihre Ziele erreichen wollen, dann müssen Sie zwangsläufig realistisch planen – mit einer positiv-konstruktiven Grundhaltung. Probleme haben sich leider noch nie in Luft aufgelöst, nur weil man sie beharrlich ignoriert oder mit Blumen zugedeckt hat.

Ein anderer Aspekt des positiven Denkens ist die Gleichmacherei: „Alles ist gut – das Schlechte wie auch das Gute – alles ist gleich“ Ist es eben nicht! Lernen Sie zu unterscheiden, was gut und was schlecht ist. Die Inder nennen es Viveka, die Unterscheidungskraft, – ein Aspekt der Weisheit. Denn nur wer unterscheiden kann, wird das Richtige tun – für sich selbst und andere. Wenn man etwas Schlechtes mit etwas Gutem vermischt, dann verdirbt man das Gute. Denken Sie einmal über die Gleichmacherei heutzutage nach.

Erleichtern Sie Ihr Leben, sehen Sie es realistisch und meistern Sie es mit einer positiv-konstruktiven Grundhaltung! Dann haben Sie die besten Aussichten auf Erfolg!

Nur so machen Sie das Beste aus Ihrem Leben.

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